Ridesharing-Angebote für die „letzte Meile“ im Nahverkehr

11. Mai 2022 Bremische Bürgerschaft (Landtag)

Rede zum Antrag ‚Ridesharing-Angebote für „die letzte Meile“ schaffen‘ der Fraktionen der SPD, Bündnis 90/Die Grünen und DIE LINKE  vom 11. Januar 2022 zum Antrag

Video Rede Ridesharing 11.05.22

(Quelle: youtube.com/Radio Weser.TV)

Ridesharing ist der Versuch, den ÖPNV mit On-Demand-Angeboten zu erweitern. Dabei geht es vor allen Dingen um die Bereiche, die der klassische ÖPNV nicht erreicht, also schlecht angebundene Quartiere oder auch Randzeiten, Routen mit geringer oder stark wechselnder Nachfrage. Ridesharing heißt Auto oder Kleinbus, aber eben hoffentlich ein Auto, das sich mehrere Fahrgäste teilen, und das nur dort fährt, wo der ÖPNV nicht hinkommt.

Ridesharing bietet die Vorteile aus beiden Systemen: die Flexibilität und die Reichweite des eigenen Autos genauso wie die Nachhaltigkeit, die Zuverlässigkeit und die günstige Preisstruktur des ÖPNV. Aber – und das gehört auch dazu – Ridesharing kombiniert auch die Nachteile von beidem, nämlich einen hohen CO2-Ausstoß trotz eines Anschlusses an den ÖPNV und auch einen Komfortverlust gegenüber dem Fahren mit dem eigenen Auto.

Ridesharing operiert im Optimalfall genau in dem Geschäftsbereich, der mit großen Bussen häufig gar nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, nämlich dort, wo die Nachfrage zu dünn ist und/oder zu unstet. Deshalb gibt es immer die Gefahr, dass Ridesharing-Anbieter sich dort ausdehnen, wo eigentlich der ÖPNV die Hauptversorgung leisten kann und auch leisten muss.

Das klassische Unternehmen im Bereich Ridesharing ist bekanntlich Uber. Uber steht für Arbeitsbedingungen, die extrem prekär sind, für mangelnde Nachhaltigkeit und auch für eine Kannibalisierung des deutlich besser regulierten Taxigewerbes. Das kann keine Perspektive sein. Deshalb spricht sich z. B. der Verkehrsclub Deutschland nur dann für Ridesharing aus, wenn man es in den bestehenden ÖPNV sinnvoll integriert und sehr klar reguliert.

Das Angebot muss in die Apps des ÖPNV integriert werden, das Angebot muss auf die Bereiche beschränkt werden, die von Bus und Bahn nicht hinreichend bedient werden können, und die Anbieter müssen verpflichtet werden, ihren Service auch wirklich verlässlich in diesen Bereichen zur Verfügung zu stellen und sich nicht bloß die Rosinen herauszupicken.

Das ist nicht immer kostendeckend möglich, und das darf nicht dazu führen, dass der ÖPNV anfängt, schwach nachgefragte Strecken zusätzlich stillzulegen, weil man ja in Zukunft Ridesharing-Angebote einsetzen kann; für Bremen wäre die Gefahr wohl in Bremen-Nord oder auch zu Randzeiten nicht zu ignorieren. Das würde schlicht heißen, dass man weggeht vom solidarischen ÖPNV und sich auf das Prinzip zubewegt: Wer „ungünstig“ wohnt, der zahlt eben mehr für seine Mobilität, und das darf – und das wird auch – in Bremen nicht so kommen.

Hamburg hat seit zwei Jahren ein Ridesharing-Angebot zugelassen. Die Erfahrungen sind gemischt, aber sie lassen erkennen, dass die Ergänzung sehr sinnvoll sein kann. Das Pooling, d. h. das Prinzip, Fahrgemeinschaften zu bilden, macht es billiger, führt aber dazu, dass es länger dauert, sein eigenes Ziel zu erreichen. Für Menschen mit wenig Geld ist es nicht besonders geeignet: Man muss schon bereit sein, für die Anschlussfahrt vom Bus oder von der Straßenbahn zusätzlich 10 Euro zu bezahlen.

Ridesharing ist eine Herausforderung für das Taxigewerbe. Entgegen dem Namen kann man für Ridesharing als ÖPNV-Ergänzung nicht vorschreiben, dass das Fahrzeug nur gemeinsam genutzt werden darf. Daher müssen wir auch feststellen, dass ein Ridesharing-Angebot immer eine gewisse Konkurrenz zum Taxigewerbe darstellt.

Der Antrag geht hier mit einer gewissen Vorsicht vor. Es sollen Erfahrungen aus den anderen Großstädten bilanziert und Gespräche geführt werden mit der BSAG und mit potentiellen Anbietern sowie mit dem Taxigewerbe. Denn die Frage drängt sich natürlich auf: Kann man nicht genauso das Geschäftsmodell des Taxigewerbes mit entsprechenden Verträgen erweitern, Stichwort Sammeltaxi?

Klar ist aber auch: Man muss sich mit solchen Erweiterungsmöglichkeiten des klassischen ÖPNV befassen. Richtig gemacht ist Ridesharing eine gute, eine kurzfristige Möglichkeit, um Versorgungslücken zu schließen, das eigene Auto eventuell auch in Randlagen überflüssig zu machen, selbst die Frage der Intermodalität, also des Zusammenwirkens verschiedener Verkehrsmittel zu stärken. Wir bekommen den ÖPNV nicht so schnell ausgebaut, dass er in allen Bereichen jederzeit die gleiche attraktive, solidarische Alternative darstellt wie in Innenstadtlagen.

Dafür macht eine flexible Mobilitätsergänzung durch Ridesharing durchaus Sinn, wenn man es richtig macht und richtig regelt. Dafür müssen wir in Bremen und Bremerhaven Erfahrungen sammeln, und das werden wir nun tun.

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